Wie erklärst du Deinem Kind die Bilder aus dem Fernsehen? G20 in Hamburg

…indem Du ihnen zeigst, dass es auch anders gehen kann…

Vorab: Es wird kein politischer Beitrag – investigativen Journalismus überlasse ich anderen. Meine persönliche Meinung zu G20 findet sich nicht in diesem Beitrag wider, schildert lediglich die Fassungslosigkeit einer Hamburger Familie.

Rückblick: Weit vor dem G20 Gipfel begegneten uns immer mehr polizeiliche Einsatzkräfte. Die Stimmung auf das was folgt, noch unnahbar – sicher fühlte man sich. So viele Einsatzfahrzeuge zu sehen, freute vor allem meine Söhne. „Tatütütatata!“, so der 2jährige.

Es ist Donnerstagabend, ein Tag vor dem G20 Gipfel, der Fernseher läuft auf den Nachrichtensendungen, im Wechsel, damit wir nichts verpassen und schauen gebannt auf die Demonstration am Hafen. Mein großer Sohn, 9 Jahre, sitzt neben uns, der Kleine spielt währenddessen mit seinen Autos. Die Szenen, die sukzessive folgten, machten uns sprachlos. Der große Sohn stellte Fragen, wir versuchten Antworten zu finden. Fernsehen aus. Kinder ins Bett. Fernsehen wieder an. Fassungslosigkeit.

Der nächste Tag: Soweit Routine. Der Große zur Schule, der Kleine in die Kita. Was auffiel, war die ungewöhnliche Ruhe weit weg von der Szenerie in der Stadt. Die Kita – leer. Die Straßen in Hamburgs Norden ebenfalls.

Ein Blick auf das Handy, das stetig die neuesten Live-Blogs aus Altona aufzeigte. Mulmiges Gefühl im Büro. Viele Anrufe. Verunsicherung.

Ungewöhnliche Stille und dennoch Normalität zeigte sich in meinem Berufsalltag. Das Handy blinkte wieder. Diesmal ein Video. Das was ich sah, ließ das Blut meiner Venen rückwärts fließen.

DAS war nicht Hamburg. Unglaublich stellte ich die Frage „Wo?“. Ottensen, war die Antwort. Es folgten weitere gespenstische Videos, unter anderem aus Altona, Große Bergstraße.

Ein schwarzer Mob durchzog an diesem Freitag bis spät in die Nacht sein Unwesen in Hamburg und vermalte das ach so schöne Bild von Hamburg. Das waren keine Hamburger. Hamburger lieben ihre Stadt. Es wurde alles angezündet und demoliert, was ihnen in den Weg kam. Und jetzt wäre eine persönliche Meinung angebracht. Ich zügel mich.

Ein Anruf der Kollegen in die Innenstadt, lässt uns wissen, wie ernst die Lage auch dort ist.

Die Absurdität nimmt seinen Lauf,
denn der Alltag läuft weiter. Schulfest. Gute Miene zum Bösen Spiel. Klingt dramatisch. Empfinde ich so. Während Hamburgs Stadt brennt, sind wir auf dem Schulfest. Die Kinder lachen, haben Spaß. Wie es wohl den Kindern in der Stadt geht?

Lange bleiben wir nicht bei dem Schulfest. Ungewöhnlich an diesem Freitag ist auch der Feierabend meines Mannes. 16 Uhr. So saßen wir am frühen Nachmittag im Garten, während wir die Bilder aus dem Fernsehen weiter verfolgten.

Ein Anruf eines Schulfreundes meines Sohnes brachte den Abend zu einem weiteren persönlichen Ereignis. Ich bat meinen Mann lediglich den Jungen zum Freund zu fahren. Und nicht die Treppe vom Tragen der vollgestopften Taschen herunterzufallen.

Da lag er nun mit dickem Fuß auf dem Sofa, während die Bilder aus der Schanze uns den Atem nahmen. Die emotionalen Schmerzen wurden größer und bei meinem Mann dazu noch die physischen.

Ein Anruf meines großen, weinenden Sohnes, der wieder nach Hause geholt werden wollte. Also holte ich ihn von seinem Schulfreund wieder ab. Weinend vor Heimweh (es waren nur 2 Stunden) lag er mir in den Armen. Ungewöhnlich. Da er schon öfter woanders schlief.

Es war ein Ausnahmefreitag wie aus einem schlechten Film. Neben dem Szenario aus dem Fernsehen, redete ich auf meinen Mann ein, in die Notaufnahme zu fahren. Da saß ich nun mit dem Großen auf der Couch, verfolgten gebannt die Bilder aus dem Fernsehen, während mein Mann ins Krankenhaus fuhr.

Die Stunden verstrichen, mein Sohn schlief auf dem Sofa, die Bilder wurden im Fernsehen unglaublicher. Mein Mann saß in der Notaufnahme und verfolgte dort auf N24 die Szenerie in der City. Kurz nach Mitternacht humpelte er mit Bandage durch die Haustür. Da saß er nun, leidend wie es sich für einen Mann gehört.

Samstagmorgen am Frühstückstisch: Die Bilder der vergangenen Nacht waren unbegreiflich. Auf die vielen Fragen unseres Sohnes fanden wir die Antwort – wir fahren zur Demonstration. Es muss auch anders gehen! Unsicher, ob mein Mann mit seinem Humpelfuß einige Meter marschieren konnte, unsicher, ob sich der schwarze Mob erneut bilden würde. Wir diskutierten, immer mit Blick auf Twitter (dafür habe ich den Kurznachrichtendienst schon immer geliebt!).

Kurz entschlossen, fuhren wir mit dem Auto zur S-Bahn und von da aus in die Stadt. Ausstieg Stadthausbrücke. Wir stiegen die Treppen empor und das erste, was wir sahen, waren unzähligen Polizisten, schwer uniformiert. So wie aus dem Fernsehen. Der Große staunte, der Kleine rief euphorisch „Tatütata!“ Und wir? Wir fühlten die Richtigkeit unserer Aktion. Von der Seitenstraße aus sahen wir die demonstrierenden, bunten, musikalischen Menschen. Über uns kreisten lärmend die Hubschrauber. Wir reihten uns der marschierenden Menge ein.

Die Stimmung war ausgelassen, fröhlich und bunt. Ob Jung oder Alt – sie waren alle da.

Von der Willy-Brandt-Straße aus strahlte uns Hamburgs langjähriges Wahrzeichen mit seiner vollen Pracht entgegen – der Michel. Es roch nach Hamburg.

So marschierten wir aufwärts die Reeperbahn entlang. Vorbei an sitzenden, freundlichen Menschen, neben musikalischen Zügen mit tanzenden und lustigen Menschen. Auch vorbei an Häusern, zeigend mit dem Amüsement des Reeperbahn-Flairs.

Den Fehler, den alle Eltern wohl machen, um nicht in Erklärungsnot zu gelangen „Weggucken, Schatz! WEGGUCKEN!“ Nun, dass das die falsche pädagogische Methode war, war uns dann just in dem Moment auch klar. Also neben Demonstration, Humpelfuss, nun auch kurzweilige Sexualkunde. Abgelenkt wurde die Aufklärung zwischen Vater und Sohn als wir an der Davidswache vorbeikamen. Riesige Wasserwerfer standen direkt neben der bekannten Polizeiwache. Davor ein friedliches Aufgebot von protestierenden, älteren Menschen (im Rainer Langhans-Stil).

Sichtlich erschöpft standen dort die stark uniformierten Polizisten und winkten dennoch freundlich unseren Kindern zu, luden sie ebenfalls zur Besichtigung in ihre Fahrzeuge ein.

Wir bedankten uns, und zeugten Respekt für ihre Leistung der vergangenen Tage. 

Der demonstrieren Gruppe abgewendet, gingen wir entlang zum Hafen, zu der verletzten Hafenstraße von Donnerstagabend.

Die zum Glück einzigen Blessuren, die wir sahen, waren die eingeschlagenen Scheiben eines Nobel-Hotels. Ansonsten wirkte die Hafenstraße gespenstisch. Hier tobt normalerweise das Leben, unterstrichen vom Verkehrslärm. Das einzige, was Lärm machte, waren die Hubschrauber, die laut über uns kreisten. Keine Autos. Vereinzelt Menschen.

Wir stiegen in die Bahn.

Im Internet schloss sich die Gruppe „Hamburg räumt auf“ zusammen. Ich sagte spontan zu.

Sonntagmorgen: Erneute Ausschreitungen. Pferdemarkt. Nicht so schlimm wie am Vortag, dennoch prägen die Bilder der Einwohner auf Twitter von Samstagabend. Sie sind müde und kaputt. Ergreifen teilweise Selbstjustiz. Mein Vorhaben Solidarität zu zeigen, verstärkte sich von Minute zu Minute.

Wir sitzen am Mittagstisch, die Sonne scheint, die Kinder schwitzen und der Große ruft „Freibad!“ Meine Antwort: „Ihr Freibad, ich Schanze!“

Ich schnappe mir die Handtasche, die Autoschlüssel, stehe an der Tür und schaue in vier kleine traurige, blaue Augen. Ich lege die Handtasche samt Schlüssel ab, gehe ins Schlafzimmer und packe meine Badetasche.

Ein Blick auf die sozialen Medien, die bereits mehrere tausende Menschen zeigten. Die Schanze „braucht“ mich nicht. Mich braucht meine Familie. Ich bin Mutter und trage heute die Verantwortung glückliche Kinder einen schönen Sonntag zu bescheren.

(Wir hätten zusammen in die Schanze fahren können, aber die emotionalen Bilder, sowohl im Fernsehen als auch live vor Ort- wenn auch friedlich – veranlassten uns nicht gemeinsam dorthin zu fahren und letztendlich gar nicht).

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